Sommertagung 
Sonntag 28. Juni 2020
auf dem 
Känguruhof
in Bernhardzell

Jubiläumsfeier zwischen Känguru und Vogel Strauss

Wenn ein Klub sein 100-Jahr-Jubiläum feiert, kann das mit einem pompösen Fest in einem Hotel oder bodenständig in einer Besenbeiz auf einem Känguruhof begangen werden. Der Klub der Appenzeller- und Schweizerhuhn-Züchter entschied sich für Letzteres – und das war eine gute Wahl.  VON GION P. GROSS (TEXT UND BILDER)

Endlich ist es wieder möglich, Versammlungen mit einer begrenzten Anzahl Leute durchzuführen, weshalb das 100-jährige Bestehen es Appenzeller- und Schweizerhuhn-Züchter-Klubs am letzten Junisonntag doch noch gefeiert werden konnte. Mehr als dreissig Mitglieder,

sogar solche aus Deutschland, fanden sich auf dem Känguruhof in Waldkirch SG ein. Auch Urs Weiss, Präsident von Kleintiere Schweiz, und Jean-Maurice Tièche, der oberste Geflügelzüchter des Landes, beehrten die Jubilare mit einem Besuch.  Sie alle durften sich an einem währschaften, reichhaltigen Bauernbrunch erlaben.

Präsidentin Maya Betschart fragte bei ihrer Begrüssungsansprache, wie man sich Hundertjährige vorstelle. Das eine oder andere Gelenk

sei ausgewechselt, am Morgen spüre man Muskeln, von denen man gar nicht gewusst habe, dass es sie gebe, und vermutlich benötigen

einige Organe bereits medikamentöse Unterstützung. Im Klub zwicke es mitunter auch ein wenig, oder es funktioniere nicht alles ganz einwandfrei, aber das Wohlbefinden sei trotzdem sehr gut, sagt Betschart.

Ein Albinokänguru als Attraktion «Wir Mitglieder machen den Klub aus, wir Mitglieder sind der  Klub», schloss die Präsidentin ihre Begrüssung. Dies, nachdem sie aufgezählt hatte, dass «ihr» Klub über Mitglieder verfüge, die bereit seien, an Anlässen wie der Luga, der BEA oder aktuell im Museum zu Allerheiligen in Schaffhausen ihre Tiere zur Verfügung zu stellen, ihr Wissen 

weiterzugeben, Ideen einzubringen, Tagungen auszurichten, die Ausstellungen zu beschicken und mehrstündige Fahrten auf sich zu nehmen, um den Klub zu unterstützen.

Urs Weiss dankte dem Klub für seine Arbeit und vor allem für seinen Einsatz zum Erhalt der Schweizer Rassen. Er warb zudem kräftig für die Nationale Geflügelschau vom kommenden Dezember in Winterthur und versprach dem Klub einen besonderen Platz an dieser  Ausstellung, weil das Appenzeller Barthuhn ja die Rasse des Jahres 2020 sei. Jean- Maurice Tièche hob die Wichtigkeit des Klubs hervor und lobte dessen Mitglieder: «Die Beteiligung des Klubs ist an allen Aktivitäten von Rassegeflügel Schweiz vorbildlich.»

Zum Festprogramm gehörte auch ein Rundgang durch den Biohof, auf dem Weiderinder, Strausse, Wachteln, Bienen und Wallaby-Kängurus gehalten werden. Letztere sind winterhart und vergnügten sich auf der grossen Wiese. Im letzten Jahr kam dort ein albinotisches Jungtier zur Welt, eine absolute Seltenheit. Ob das Weibchen dereinst seinen Gendeffekt, der die Bildung von Farbstoff verhindert, weitergeben kann, sei allerdings sehr ungewiss, erklärte Biobäuerin Tamara Krapf, denn albinotische Kängurus würden nur

selten trächtig. Hühner suchte man auf dem Hof vergebens, aber eine einsame weisse Pommernente sass traurig unter einem Haufen

Äste. Ihr Partner sei kürzlich das Opfer eines Marders geworden, berichtete Krapf, die eine der zwei Gruppen durch den Hof führte. Der Jöö-Effekt gehörte aber nicht dem weissen Känguru, sondern den wenige Tage alten Straussenküken, die jedoch schon so gross waren wie erwachsene Hühner. Einige Gäste deckten sich dann im Hofladen auch noch mit allerlei Leckereien aus der hofeigenen Produktion ein.

Nach dem Hofrundgang traf man sich erneut in der Besenbeiz, wo der Höhepunkt des Tages folgen sollte. Zuerst stellte Maya Betschart den neuen von zwei Vorstandsmitgliedern finanzierten  Werbeflyer des Klubs vor, der pünktlich zum Jubiläum fertig gestellt und gedruckt

werden konnte. Dieser soll nun unter die Leute gebracht werden und viele Interessierte dazu ermuntern, eine der Schweizer Rassen zu züchten und Klubmitglied zu werden. «Wir haben uns zum Jubiläum ein eigenes Geschenk gemacht», meinte Betschart daraufhin. Ihr Vorgänger im Präsidium des Klubs, Jürg Schmid, hat für den Klub eine schmucke Festschrift verfasst. Fürwahr, es sollte nämlich keine eigentliche Chronik sein, sondern ein Mix aus Informationen zur Klubgeschichte und Interviews mit verdienten Züchtern der drei

Schweizer Rassen werden. 

Dass es im Klub schon früher mal ganz schön gezwickt hat, liest man in den kurzen geschichtlichen Episoden der Festschrift. Da wurde bereits sechs Jahre nach der Gründung über die Auflösung des Klubs diskutiert und 1935 ein gleicher Antrag knapp abgelehnt. Bereits ein Jahr nach der Klubgründung wurde auch schon über die Bruteierpreise diskutiert, wobei man sich auf 60 Rappen pro Brutei einigte. Hochgerechnet müsste ein Brutei heute also mindestens drei Franken kosten.

Die Männerdomäne ist Geschichte Als die Stiftung Pro Specie Rara Anfang der 1980er-Jahre mit der «Rettung der Schweizer Rassen» begann, gab es natürlich auch Diskussionen darüber, wer nun «Retter» sei. 1988 soll dann Pro Specie Rara die unterschiedlichen Zuchtrichtungen so definiert haben, dass sich der Klub auf die äusseren Merkmale konzentriere und Pro Specie Rara die genetische Vielfalt ins Zentrum der Zuchtbemühungen stelle. Diese Definition wurde dann allerdings Anfang dieses Jahrhunderts widerlegt.

Eine Studie der ETH Zürich hatte ergeben, dass zwischen den Tieren des Klubs und Pro Specie Rara kaum genetische Unterschiede

bestehen.

Seit 2002 sind auch die Züchter der Schweizer- und Zwerg-Schweizerhühner Mitglieder im Klub, sodass heute alle Schweizer Rassen in einem Klub vereint sind. Und an der Hauptversammlung 2011 soll Ferdi Eugster, der langjährige Präsident des Klubs und grosse Förderer der Appenzeller Hühner, vor einem Schwund der Barthühner mit den Worten «Wir haben bald mehr Funktionäre als Tierliebhaber»

gewarnt haben.

Nachdem alle einige Flyer und die Festschrift erhalten hatten, wurde es ruhig im Raum. Klar, alle blätterten und lasen in der unterhalt- samen Festschrift, sodass die Präsidentin nach einiger Zeit mahnen musste, dass das Bauern-Ehepaar noch andere Verpflichtungen

habe und man sich auf den Heimweg begeben oder in eine nahe gelegene Wirtschaft verschieben müsse. Dass sich die Mitglieder auch einer Frau «unterordnen» können, bewiesen sie sogleich, obwohl sie sich das in der hundertjährigen Geschichte noch gar nicht gewohnt

waren. Der Vorstand besteht heute nämlich aus drei Frauen und zwei Männern – wobei die Mitglieder im vergangenen Jahr erstmals eine Frau zur Präsidentin gewählt hatten.

www.appenzeller-und-schweizerhuhn.com

Die Mitglieder genossen den Brunch in bodenständiger Umgebung

Gespannt lauschten die Mitglieder den Ausführungen
von Tamara Krapf über die Bienen

Der Vorstand stellte sich mit den Gästen zum Erinnerungsbild: (v. l.) Urs Weiss (Präsident Kleintiere Schweiz), Andy Kräuchi, Manuela Silvestro, Regula Hugentobler, Maya Betschart, Jules Wüest und Jean-Maurice Tièche (Präsident Rassegeflügel Schweiz).

Bildergalerie von Urs Rubin

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